
Rezensionen
Ziemlich schön, ziemlich radikal – und da ist noch Lisa
Von Christoph Merki
Eine Pièce auf diesem Album heisst «Wurm». Eigentlich müsste das Stück besser «Würmlein» heissen. Denn das zu hörende Klaviertrio lässt hier nur sehr kurz etwas aufscheinen. Gerade mal eine Minute und sechsundvierzig Sekunden dauert die Petitesse. Es ist das Flackern eines Glühwürmleins auf dem sonst insgesamt knapp sechzig Minuten dauernden Album mit seinen total neun Stücken. Was also passiert in «Wurm»? Flott walkt der Kontrabass daher unter den Fingern von Martin Wyss. Es stieben die Funken bei Schlagzeuger Lucas Zibulski, der sich seinen Tony Williams und Jeff Tain Watts ohne Zweifel angehört hat. Swingende Jazzbeats. McAlavey gibt den Herbie Hancock der späten Sechziger. Mit seiner Rechten exekutiert er rasende Sechzehntel-Linien, wie sie Hancock so gern spielte bei Miles (Hancock sass auf Anraten von Miles dabei auf der linken Hand – so kultivierte er den leeren Raum statt zu «compen»).
Das ist alles ein toller, ein avancierter Klavierjazz bei McAlavey. Nur eben, das endet da, wo bei Hancock alles erst so richtig beginnen würde, nach knapp zwei Minuten. Und zumindest mir als Hörer scheint offensichtlich, was McAlavey uns hier bedeuten will mit diesem Würmlein, das nur ganz kurz über den Boden kriechen oder besser hüpfen darf: Dieser Jazz, den hatten wir doch! Das haben wir doch verarbeitet bei aller Bewunderung! Lassen wir das Glühwürmchen nochmals kurz leuchten … doch dann … dann wollen wir uns in andere Welten hineinbewegen! Kurz: Man verbeugt sich vor dem Jazz … um ihn dann sehr selbstbewusst – und auch: radikal – hinter sich zu lassen.
Und so stehen wir wieder einmal vor dem kleinen Wunder, dass eine so «klassische» Instrumentierung wie die des Klaviertrios im Jazz mit Piano, Kontrabass, Schlagzeug uns keinesfalls zwingend auf ausgetretene Trampelpfade führen muss. Wie sagte doch einst der Chicagoer Jazzmusiker und Computer-Pionier George Lewis, und das trifft die Sache auch für McAlavey: «Jazz ist der Ort, von dem ich herkomme, aber wer weiss, wo ich ankommen werde.» So betrachtet ist nicht nur die neckische Referenz an den Jazz in «Wurm» bei diesem Trio ein Täuschungsmanöver – sondern die ganze auf den ersten Blick traditionell wirkende Instrumentierung: am Klavier sitzt Daniel McAlavey, am Schlagzeug Lucas Zibulski, den Kontrabass zupft Martin Wyss. Vergessen wir also hier den Herbie Hancock (in Ehren!), denken wir in anderen Bezügen: denen vielleicht von Granden der abendländischen Klaviermusik wie Ravel oder Debussy, denken wir an pop- und clubaffine Jazztrios wie E.S.T. oder wie GoGoPenguin, an einen zeitgenössischen Komponisten wie Hans Otte mit seiner kontemplativen und ostinaten Klaviermusik (Otte kennen viel zu wenige: Aber man höre sein unendlich schönes «Buch der Klänge» für Soloklavier, eingespielt 1999 von Herbert Henck für ECM, wo sich der Rausch eines frühen Steve Reich mit einer oft bitonalen Harmonik verbindet).
Dass McAlavey, Wyss und Zibulski zu einer eigenen Musik gefunden haben, einer Musik, die zwar gewiss Dinge der Zeit aufnimmt wie Minimal und Wohlklangs-Affinität, dabei aber am Ende in ihrer Diktion doch ziemlich radikal einen Kern des Eigenen behauptet… nun, das mag nicht mal besonders wundern, sieht man, was diese drei Musikschaffenden im Leben sonst noch so tun. Drei Neugierige! «Ich hoffe, dass ich dir eine gute Basis bieten kann für ein Eintauchen in unsere Welten. Ich hoffe auch fest, dass dich die Material-Flut nicht überfordert.“ So hat mir Daniel McAlavey geschrieben, als er mir seine Materialien zuschickte – und tatsächlich ist‘s dann ein Eintauchen in ganze „Welten“, vertieft man sich ins kreative Leben jedes einzelnen dieser Musiker. McAlavey ist nicht nur ein Mann der Töne, sondern auch der literarischen Worte, er schreibt auch Kurzerzählungen und Gedichte. Auf Martin Wyss‘ Website wiederum finden sich selbstgemachte Videos zu philosophischen Fragen, Wyss macht sich Gedanken über das Leben in seinen Tiefen und Untiefen, bietet auch Handanalysen an. Seine Videos sind so spontan dahingesprochen wie Jazz und dabei eher interessant als missionarisch. Und dann ist da auch Schlagzeuger Lucas Zibulski. Er ist auch als „Laurel Boom“ unterwegs: Unter diesem Namen spielt, singt, produziert er wunderbar nicht-produziert wirkende Popsongs, die er bezeichnet als „unmittelbar, minimalistisch, organisch“ – und damit hat er so recht, dass er in der Demo-Clinic am M4Music 2025 abräumte.
Wie sollte die Musik von drei so Bewegten nicht auch selbst bewegt sein?
Das Paradoxe ist nun, dass diese Musik in ihrer konkreten musikalischen Materialität gerade nicht bewegt ist! Und dies eben durchaus radikal. Die drei halten an jener Diktion fest, die sich bereits im ersten Stück des Albums, „Allobst“, entfaltet. Wir hören eine Musik der Entschleunigung: wenige, flächige Akkorde, viel Raum dazwischen. Das hat eine so radikale Ruhe wie bei Morton Feldman, dem amerikanischen Komponisten des Statischen. Und mögen die Kompositionen McAlaveys auch mal ins Vitalistische hineinkommen für Momente – immer scheint alles aus einem stillen Wasser, ja aus einem Ozean des Unbewegten herauszuwachsen. Man kommt selber durch blosses Zuhören in ein anderes Zeitgefühl hinein. Lässt die Alltagszeit hinter sich. Genau das sagt Daniel McAlavey uns wohl auch, wenn er ein weiteres Stück mit „Nüt los“ betitelt, mit dem ihm eigenen Augenzwinkern (nichts könnte ja seiner oft wie spirituell wirkenden Musik mehr entgegenstehen als eine krachende Dürrenmatt’sche helvetische Mundart, aber genau die liebt McAlavey erklärtermassen, er, der als gebürtiger Halbschotte durch das Schweizerdeutsch, wie er sagt, zur Schweiz fand.)
Nüt los. Nichts los. Das könnte nun bei dieser Musik auch missdeutet werden. Meditationsmusik? Nichts wäre falscher! Dafür enthält die Musik zu viele „künstlerische“ Momente, ist in ihrer Materialität so beschaffen, dass man merkt, dass hier keine esoterischen Sandmänner am Werk sind. Wie der Titel „Schollen“ etwa wiederum an einer Entschleunigung arbeitet, in insistent durchmarschierenden Puls-Bewegungen während Minuten, wie hier gerade durch radikale Reduktion etwas Starkes aufgebaut wird, ein Kontinuum, ein gemächlich daherströmender Fluss (allen Versuchungen des Kataraktischen wird widerstanden), dies zeigt eine künstlerische Vision.
Zu dieser Vision gehört auch nicht nur der eigene Zeitbegriff dieses Trios; da sind weitere Parameter, denen die Musiker unbeirrt folgen (es entsteht durch diese so etwas wie ein schlüssiges musikalisches „System“): beispielsweise das Rhythmische. Nichts wäre dem Trio ferner als die Hypostase einer Off-Rhythmik wie im Hardbop-Jazz, die Betonung schwacher Zählzeiten wie – um weit zurück und ins Grundsätzliche zu denken – im Ragtime, dessen synkopierte Rhythmik vom deutschen Musikschriftsteller Dieter Hildebrand einmal so beschrieben wurde: Sie wirke so, als würde ein Clown immer stetig über seine eigenen Beine stolpern. Ein komponiertes Hoppla. Bei McAlavey gibt es aber fast nie ein Hoppla. Fast alle Akkordbewegungen werden mit Fleiss auf die gerade eins oder die gerade drei aufgelöst – es ist wie ein Sieg über allzu viel Aufregung in der Musik. Auch die bewusste Reduktion des Interaktiven in diesem Trio fügt sich passgenau ins System (ohne freilich, dass der Musik andererseits etwas Hermetisches anhaften würde, was das Wort System suggerieren könnte): Oft agiert das Trio als Gesamtverbund. Es begreift sich eher als gleichschenkliges Dreieck denn als Summierung der Kräfte dreier wild agierender Steppenwölfe. Tobende Unordnungen sucht dieses Trio nicht, im Gegenteil.
Nicht zuletzt fügt sich auch das harmonische Denken von Daniel McAlavey – er ist es, der am Ende alles anführt, sein Klavierklang trägt alles – in dieses System ein. Immer wieder müssen wir beim Anhören dieser Musik an die europäische Musiktradition denken. Ich gehe schon beim Anhören von „Allobst“ an mein CD-Regal und spiele mir dann Ravels „Jeu d’eau“: Ein solcher impressionistischer Klavierzauber bricht auch immer wieder bei Daniel McAlavey aus (wenngleich er seinen Ravel sozusagen ins Bedächtige und Kontinuierliche hinabkorrigiert). Und das Klangschöne entfaltet sich eben bei McAlavey nicht nur in subtiler pianistischer Anschlagskultur, sondern geradewegs auch im Harmonischen. Wenn er in „Stegosaurus“ einmal bizarr-bitonale Akkorde über die Grundstruktur stülpt, dann ist das eigentlich wieder eine Art Würmlein: Etwas, das McAlavey zwar kennt, kurz anwendet – dann aber verschwinden lässt. Seine Musik will anderes. Er meidet die Reibetöne. Sucht den geraden Klang. Scheut vor Dreiklängen nicht zurück. Und doch besteht eben das Raffinierte bei diesem Pianisten, dass das nie in die Trivialitäten eines Ludovico Einaudi abfällt. Man spürt, dass die gerade Harmonie bei ihm aus einem „aufgeklärten“ und nicht naiven Horizont heraus entsteht.
Am Ende haben wir es mit einer Musik zu tun, die trotz ihrer Bedächtigkeit in der Essenz einen tiefliegenden Optimismus ausstrahlt. Einen Optimismus, der freilich nichts mit der Heiterkeit einer Festwirtschaft zu tun, sondern eher mit dem Empfinden verbunden scheint, dass es vielleicht doch eine letztlich gute Sache ist mit der „Ordnung der Dinge“ auf dieser Welt. Ein Stück heisst «Der Mensch als Mäandriertier». Bekommen wir hier etwas von der Anthropologie Daniel McAlaveys zu spüren? Selbst wenn McAlavey den Menschen als stetig changierendes, vielleicht unfassbares Wesen ansieht – das meint bei ihm nichts Negatives. Wir hören keinesfalls karge Linien. Keine Samuel-Beckett’sche Ausdünnung. Weit weg ist Theodor W. Adorno, der deutsche Philosoph und Musikdenker, der den Menschen als beschädigtes Wesen sah und die Dissonanz als klangliches Äquivalent dazu. Dies ist Wohlklang. Dies ist Schönklang. Dies ist Harmonie. Ist dabei auch ein Lehrstück darüber, wie Schönheit ohne Kitsch möglich ist.
Und da will einem sich doch das Bild runden vom Menschen Daniel McAlavey. Eines aus Ton & Text. Einer der Kurztexte von McAlavey trägt den Titel „D Lisa“. Es scheint in Worten zu sagen, was McAlavey auch in Tönen sagt. Die Welt, sie ist nicht heil, nur Naivlinge würden sie als heil ansehen. Aber sie kann schöner gemacht werden. Beispielsweise durch Musik. Und auch „D Lisa“ kann da eine Rolle spielen. Lassen wir‘s McAlavey sagen in eigenen Worten:
D Lisa
​
Eigentlich isch si ja nid vüu anders, aus die angere.
Es Meitschi, e jungi Frou, ja, scho, aber das si jo vili angeri ou,
äbe, nid vüu angers, haut.
Und glich, sisch haut nid s gliiche, wenn si dört isch und wenn
nid.
Es isch mer de immer, aus ob, aso wenn si dört isch, meineni,
aus öb dr Ruum grad echli schöner wär, d Mönsche grad echli
zfridener, fründlecher scho fasch. Wie wenn es Beet e Blueme
het, oder äbe nid, äbe, wenn eis eini het, de würkt dr ganz
Dräck grad sehr vüu sinnvouer, fasch gar nümm wie Dräck,
meh wie Ärde, und ez nid z säge, aui andere wäre Dräck ohni
si, aber irgendwie macht sis schöner, d Lüt, s Zimmer, s Do-si,
und vilich jo ou mi.
​
​
​
​


